4. September 2019, 20:14 | Autor: Frank Jelinski

Fast jedes Jahr auf’s Neue sagt man sich „Okay, das war das Rennen des Jahrzehnts, so etwas kann man nicht steigern“, um dann, ein Jahr später, mit offenem Mund staunend den Rennverlauf verfolgt und einfach nur denkt: Was geht denn hier ab? So, aber auch genauso erlebten die 40 Mannschaften die 22. Auflage des Bavarian 24h der GTC in Wackersdorf.

Selbst zur Halbzeit nach 12h gab es noch ein Dutzend potenzielle Sieganwärter! Auch klar, dass der fantastische Rundenrekord aus dem Vorjahr wohl pulverisiert werden könnte, solange keine größeren Unterbrechungen den Rennverlauf in der zweiten Hälfte stoppen sollten. Es gab gerade einmal vier Pace-Kart Phasen die in Summe nur 29 Runden dauerten.  Mit der Sieger-Rekordzahl aus dem Vorjahr (1.391 Runden), wäre man heuer auf Platz 24 gelandet!

Bei dem Tempo, noch dazu bei fast tropischen Witterungsverhältnissen waren technische Probleme, Unfälle und Reparatur-Stopps eigentlich logisch. Doch weit gefehlt, noch nie hatten die Mannschaften ihr Material so tgut vorbereitet, es gab lediglich einen Motorschaden bei einem Gaststarter und auch Ketten, Achsen, Lenksäulen und Spurstangen mussten so wenig wie noch nie gewechselt werden. Allerdings und das ist schon ein Wermutstropfen, die großen Dramen, die einen Langstreckenrennen ja die Würze geben, fehlten fast total. Bis auf eine Ausnahme und die hatte es in sich.

Ausgerechnet die Titelverteidiger vom MSC Oberflockenbach wurde bei einbrechender Nacht von einem Cup-Team versehentlich, dennoch derb, abgeräumt und stand danach 20 Minuten in der Box, um die Hinterachse zu tauschen. Hatten die Flockies im letzten Jahr noch 8 Runden innerhalb der letzten 12h aufholen können, war an eine Wiederholung in diesem Jahr gar nicht zu denken.

Bis zur Halbzeit durfte sich das WGKC-Mach1-Team die meisten Führungsrunden gutschreiben lassen. Auch der MSC Oberflockenbach, DG Racing by Messebau, Schnitzelalm Racing, Oberheiden Motorsport, Honda Spirit , EM Racing Cheb, ATW Racing, die Hausexperten, die Schnitzelalm Mädels und und und absolvierten Führungskilometer. Wann immer eine Top-Mannschaft die Box ansteuerte, fand man sich danach bis zu zehn Plätze tiefer im Ranking wieder, und das auch noch zur Halbzeit! Das Erstaunliche dabei, selbst die 10-Sekunden-Strafen für das erste Speedlimitvergehen konnten locker verdaut werden. Alle Top-Mannschaften, bis auf Oberheiden Motorsport, waren davon betroffen.  Die #11 der Schnitzelalm, aus der Pole-Position gestartet, fasste gleich beim ersten Stopp eine Strafe wegen Fahrtzeitüberschreitung aus und verlor dadurch eine Runde. Um 7 Uhr morgens durfte man sich trotzdem über eine Doppelführung der #11 vor der #101 freuen, keine Ahnung wie ihnen dieses gelungen ist.

Erst in den Morgenstunden des Sonntags sorgten dann „Mini-Dramen“ für entscheidende Momente. Um 5:22 Uhr handelte sich DG Racing by Messebau eine Stop&Go ein, als man sich bei der Anfahrt zur Waage drehte. Nach 18 Stunden verlor der Meisterschaftsführende von Honda Spirit 30 Sekunden in der Tankbox. Gerade als die #22 dort einparkte, fiel der Strom aus! Eigentlich lächerlich bei einem 24h Rennen, diese paar Sekunden fährt man doch wieder zu. In diesem Jahr war eben alles anders. Wie brachte es ATW Teamchef auf den Punkt: Wahnsinn, man machte alles richtig, hat den Speed und hatte lediglich nur zweimal Pech mit den Pace-Kart Phasen und schon war man weg vom Fenster.

Die Schnitzelalm lag in Führung und musste einen Auspuffhalter ersetzen. Zeitverlust 84 Sekunden, es reichte nicht mehr in die Top-5 zu kommen. Die Schnitzelalm Mädels, gerade auf P2 angekommen, blieben gleich zweimal auf der Strecke stehen, Blitzreparatur, eine Kleinigkeit und im Ziel dann auf P16. Wahnsinn! Die WGKC-Mach1-Mannschaft fuhr das Rennen ihres Lebens, sammelte die meisten Führungsrunden, holte sich mit Alex Schula am Steuer die absolut schnellste Rennrunde und musste lediglich den Halter des Frontschilds ersetzen. Im Ziel nicht unter den Top-5 – Wahnsinn!

Exemplarisch dafür der Stand nach 18 Rennstunden: P1 für Oberheiden Motorport vor Honda Spirit, ATW Racing und dem WGKC-Mach1-Team. Alle 1.063 Runden, dahinter die Hausexperten, Schnitzelalm Mädels und DG Racing by Messebau (-1Rd.) Danach folgen auf P8 & 9 die Schnitzelalm (#11) und Talentfrei feat Ghost Busters (-2 Rd.), die aber gerade aus der Tankbox kamen und so einen Stopp vor lagen.

Wer nun nicht den Überblick hatte, wer in welchem Rhythmus tankt und die Fahrer wechselt, tappte im Dunkeln. Von diesen neun Mannschaften konnte noch jeder im Ziel die Nase vorn haben. Und trotzdem, während die WGKC Mannschaft in der ersten Hälfte die meisten Führungsrunden sammelte, war es in der zweiten Hälfte die #4 von Oberheiden Motorsport. Da die Sieger aus 2016 auch erst relativ spät auf den zweiten Satz Slicks wechselten, hatten die Braunschweiger auch den Speed bzw. guten Gummi, um alle Angriffe der Jäger zu kontern. Honda Spirit wechselte gegen Mitternacht auf frisches Gummi und war in den letzten Stunden zwar im vollen Attacken-Modus, aber Oberheiden konnte immer 1-2 Zehntel nachlegen. Klar war indes, jede Unterbechung durch eine Pace-Kart Phase konnte alles durcheinanderwirbeln. Und eine davon gab es noch. Nachdem die Schnitzelalm Mädels mit Benzindruckproblemen schon einmal 12 Minuten verloren, war ca. 60 Minuten vor Ende kein Vortrieb mehr da (Gasbetätigung) und das Pace Kart rückte zu seinem vierten Einsatz auf die Strecke. Die Mädels verloren erneut gut 12 Minuten und manch andere verloren den Glauben.

Die #11 der Schnitzelalm war gerade eine Minute zuvor zu ihrem letzten Wechsel in der Box genau wie z.B. ATW Racing, während die meisten anderen Teams das nun unter Gelb nachholen konnten.  Nach 23 Rennstunden hatte man nun zum ersten Mal einen klaren Durchblick. Keiner musste mehr in die Box, alle konnten durchfahren und Oberheiden lag eine Runde, also knapp 58 Sekunden vor dem Feld mit dem Vorteil des besten Gummis.  Zwar klebte Honda Spirit direkt an der Stoßstange und versuchte sich zurückzurunden, doch Julian Walter als Schlussfahrer auf der #4 dachte gar nicht daran, vorsichtig zu agieren und die #22 vorbeizulassen. Dasd sich Honda Spirit dazu hinreißen ließ, die #4 noch „unglücklich zu treffen“ wurde nicht wirklich befürchtet, dafür waren fast alle GTC-Fahrer für ihre Fairness bekannt. So legten die beiden mit dem KSF Bosch im Schlepptau die letzten 50 Minuten im Formationsflug zurück und Oberheiden Motorsport sicherte sich nach 2016 zum zweiten Male den wichtigsten Sieg im deutschen Langstreckensport, mit neuer Rekordrundenanzahl.

Interessant dabei ist die Tatsache, dass der Sieger die einzige Mannschaft des gesamten Feldes war, die nicht das kleinste Problem hatte, während alle anderen Mannschaften zumindest eine 10-Sekunden-Strafe ausfassen mussten, ein kleines oder großes Problem beheben mussten oder nicht ganz den Speed hatten, um vorne mitzufahren. Diesen Speed hatten aber ein sauberes Dutzend des Starterfeldes und so war der Sieg nur äußerst knapp, bestens gemanagt, gut vorbereitet, auch mit der nötige Prise Glück und damit dann auch wohlverdient.

P2 für Honda Spirit, die fuhren ihre 30 Sekunden „Tankstellenpech“ wieder zu, hatten aber ihre frischen Reifen wohl 4-6 Stunden zu früh montiert, um in den letzten 6 Stunden noch mal nach vorne zu glühen. Wahnsinn an was für Kleinigkeiten ein Sieg scheitern kann. P3 für die Hausexperten.de Ein grandioses Ergebnis für das Trophy-Team, obwohl man, wenn auch unter Gelb, noch ein Flexrohr ersetzen musste.

P4 für Talentfrei feat Ghost Buster. Mega happy waren die Sauerländer auch wenn man zurück blickt auf 2018, wo sie ebenfalls fantastisch dabei waren und es nicht ganz ins Ziel brachten. (Der Faux pas mit der Boxenmauer ist nun verdaut)

P5 für DG Racing by Messebau. Die bogen ein altes Tony aus dem Jahr 2017 wieder gerade und entschieden sich am Freitagabend damit zu starten. Das Ding hielt, und ging wie die „Luzzy“ 

P6 für den KSF Bosch. Flop im letzten Jahr, Top in diesem Jahr. Mit so einer Performance hätte man 20 der der letzten 21 Bavarian 24h Rennen gewonnen!

P7 für ATW Racing. Hier gilt das gleich. Der dreimalige Bavarian 24h Sieger hielt es nicht aus. Zweimal Pech mit dem Timing der Tankstops (jeweils direkt vor einer Gelbphase) und dann auf P7 im Ziel. Wahnsinn

P8 Schnitzelalm Racing. 64 Sekunden verloren bei der Reparatur des Auspuffhalters, nachdem man in 14 Stunden die Stop&Go Strafe für die Fahrtzeitüberschreitung wieder egalisieren konnte. Und dann findet man sich auf P9 wieder? Wahnsinn. Mit den gefahrenen Runden hätte man im letzten Jahr mit 25 Runden Vorsprung gewonnen!

P9 WGKC Mach1 Team. Alles schon gesagt, unfassbar, super erste Hälfte und dann ein Mini Defekt in der zweiten Halbzeit.  Hätte man das Rennen so im Vorfeld simuliert, hätte ich eine fette Summe auf den Sieg der #28 gewettet.

P10 für die H&R p.b. KRM Siegen. Was soll man da machen. Klar, der Speed war nicht ganz so wie gewünscht, aber Hallo, ein besseres Rennen kann man fast nicht abliefern. Den Gasanschlag neu eingestellt und ein schleichender Plattfuss.  Das ist ja Kleinkram bei 90% aller anderen 24h Rennen wäre man damit locker in die Top-3 gefahren.

„Wahnsinn, ein Rennen der Superlative, schön das ich es erleben durfte. So etwas ist nicht mehr zu toppen. Obwohl, es gibt auch einen 23. Auflage des Bavarian 24h, also den letzten Satz gedanklich einfach streichen. Danke!“, so Veranstalter Frank Jelinski.